Das Märchen vom großen Geld … Zum Inhalt von ENRON

© Stefanie Lassahn

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»Es war einmal … im Herzen der ökonomischen Welt, im Herzen Amerikas, Texas, da gab es einmal ein Unternehmen« – so beginnt das Märchen von ei­nem, der auszieht ein König zu werden. Und er zieht aus, er wird ein König, und er wird wahnwitzig reich, und dann kommen die Neider und nehmen ihm al­les wieder weg und werfen ihn in den Kerker bis an sein Lebensende. Aber wenn die Finanzwelt bei Drucklegung nicht im Orkus verschwunden ist, dann leben seine raffinierten Ideen noch heute. ENRON handelt vom unge­heuerli­chen Aufstieg und Fall des gleichnamigen texanischen Energie-Multis, der 2001 in einer Milliarden-Insolvenz den größten Unternehmensskandal of­fen­barte, den die US-Wirtschaft bis dato erlebt hatte. Top-Manager erhielten für unerhörte Bilanzfälschungen jahr­zehntelange Haftstrafen. Heute sind die Finanzpraktiken, die man im Prozess vor Jahren als eindeutig kriminell einstufte, gang und gäbe und Mitverursacher der wohlbekannten Krise. Das Mär­chen endet prophetisch mit den Worten des gestürzten Königs, Enron-Präsi­dent Jeffrey Skilling: »Ich wollte nur die Welt verändern. Und es wird eine Zeit kommen, in der die Leute das verstehen.«

Die junge britische Autorin Lucy Prebble jedenfalls hat verstanden, denn ihr Stück zeichnet nicht ein weiteres Mal nebulös Folgen einer nicht greif­baren Krise, sondern sucht nach deren Ursachen. ENRON ist ein Stück zur Krise nach der Krise, die ganz sicher kommt, eint doch die Gier alle Schichten. Prebble beschreibt das ohne den Unterton mit moralisch bebenden Lippen, der so viele Texte zur Krise prägte. In ENRON gibt es zwar spre­chende Tiere, doch ist es eine Fabel ohne Zeigefinger. Die saftige Studie des Kapitalis­mus wird in seinen besten Momenten zu einem harten Königsdrama der Busi­ness-Welt, zu einer kühnen Analyse von Hybris und Korruption. Der Dow-Jones-Index ist die Fieberkurve menschlicher Regungen, und diese Kurve fällt: »Alles was wir sind, ist da. Da ist Gier, da ist Angst, Freude, Glaube, Liebe, Hoffnung … Am größten jedoch unter ihnen ist – das Geld.« Der charismatische Wahnsinnige Skilling spricht abermals wahr, bevor die Gefängnistüren für 24 Jahre hinter ihm zuschlagen.

© Stefanie Lassahn

Der Enron-Skandal ist einer dieser Stoffe, von denen das Theater träumt. Eine wirklich gute Geschichte, halb Krimi, halb Tragödie, dazu Komik, irr­witzige Figuren und ein brisanter gesellschaftli­cher Bezug. Die Motive von Rausch und Crash kennen wir inzwischen bestens. Prebble zeichnet das in messerscharfen, pointenreichen Dialogen. Auf die Figuren richtet sie einen in­telligent-bösen Blick, sie sind zugespitzte Prototypen, nah an der Satire, aber dennoch voll im Fleisch: Skilling setzt sich im drecki­gen Kampf gegen seine Konkurrentin Claudia Roe im Firmenimperium durch – sie scheitert klassisch an der Eintrittspforte nach ganz oben. Um die traumhaften regulären Gewinne noch zu steigern, stachelt Skilling dann den ihm ergebenen Loser Andy Fastow zu »unkonventionellen« Geschäftspraktiken an. Die großen Jungs berau­schen sich an glänzenden Erfolgen, die Politik mischt immer mit und dann fliegt alles auf. Eingebettet sind diese Könige des Ma­nagements in ihren mehr oder minder loyalen Hofstaat, ein Großpanorama der Wirtschaftswelt. Der Zuschauer taucht ein in die krisenberühmte Blase, in eine Welt, die fremd und abstoßend ist in ihrer dampfenden Männlichkeit, die aber auch eine riesige Faszina­tion und eine beängstigende Erotik verströmt. Und da plötzlich verschieben sich die Realitäten, und es entsteht eine zweite surreale, bilderreiche Ebene die den Raum öffnet für ein theatrales Großspektakel von schräger Ex­pressivität. Im Disneyland des Business gibt es eine finstere Höhle mit dollarschein-fressenden Raptoren, das schimmernde Börsenparkett mit tanzen­den Händlern und zum Barbershop-Trio sich formierenden Analysten. Und immer wie­der spricht der Dow-Jones live zu seinen Jüngern. In den sich entfaltenden Bilderbogen der 90er Jahre, den Bilderbogen einer »glücklichen und stabilen Zeit. … Die Klamotten sahen auch ganz gut aus«, schleicht sich bei aller trockenen Komik ein apokalyptisches Moment ein. Der Abgesang auf eine Epoche der (ökonomischen) Unschuld wird atmo­sphärisch greifbar.

Und dann ist gar nicht so klar, ob es die Guten noch gibt im Märchen vom großen Geld. Die große böse Frage ist da, wer denn der Verachtung würdiger sei – die korrupten Mächtigen oder wir selbst, die wir zwar genauso gierig, aber nicht so gerissen sind wie sie …

Dieser Text ist erstmals erschienen im Jahrbuch der THEATER HEUTE 2010.

 

Autorin heute:
Kathrin Mädler
Leitende Schauspieldramaturgin

Kathrin Mädler, in Osnabrück geboren, studierte Dramaturgie, Theater- und Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Bayerischen Theaterakademie August Everding, sowie in Cincinnati, Ohio. Sie war Regieassistentin am Staatstheater Karlsruhe und am Burgtheater Wien. Im Anschluss an das Diplom 2002 folgten ein Forschungsaufenthalt an der University of California Irvine und die Promotion mit einer Arbeit zum Thema BROKEN MEN – SENTIMENTALE MELODRAMEN DER MÄNNLICHKEIT (Schüren Verlag 2008), sowie ein Lehrauftrag am Institut für Theaterwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität.
Von 2005 bis 2012 war sie Schauspieldramaturgin am Staatstheater Nürnberg. Sie inszenierte unter anderem Peter Weiss‘ DIE ERMITTLUNG auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, PENTHESILEA nach Heinrich von Kleist, die Uraufführung von Lukas Hammersteins DAMALS WURDE ES IRGENDWIE HELLER am Staatstheater Nürnberg, DAS MONSTER WEINT und LUCKY HAPPINESS GOLDEN EXPRESS am Stadttheater Ingolstadt.
In Münster ist sie seit 2012 leitende Schauspieldramaturgin, sie inszenierte hier EVENT, MISS SARA SAMPSON und DER STELLVERTRETER. Ab der Spielzeit 2016/17 übernimmt Kathrin Mädler die Intendanz des Landestheater Schwaben.

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