Die Gäste, für die bin ich zuständig!

Ich schreibe und verwalte die Verträge unserer Gastkünstler, bin Anlaufstelle und offenes Ohr.

Es sind vorwiegend künstlerische Erwägungen, aber auch die Vielzahl der Produktionen (30 bis 35 Premieren in einer Spielzeit) sowie unvorhersehbare Krankheitsfälle, die das Engagement von Gästen zur gängigen Theaterpraxis werden lassen.

Und weil dabei vorrangig künstlerische Überlegungen ausschlaggebend sind, werden gerade auf den Positionen Regie, Bühnenbild, Kostümbild und Musik die meisten Gäste eingesetzt. In der Produktion ENRON waren dies zum Beispiel der Regisseur Dominique Schnizer, die Bühnen- und Kostümbildnerin Christin Treunert sowie der Musiker Jimi Siebels. Dazu wurden die Schauspieler Matthias Caspari und Hanns Jörg Krumpholz als Gäste engagiert; hier waren es gleich alle der drei genannten Gründe, die zu diesen Verpflichtungen geführt haben.

Ulla Schöler und "ihr" Baum. © Stefanie Lassahn

© Stefanie Lassahn

Was genau habe ich aber nun damit zu tun?

Jedes Gastengagement basiert auch auf einer finanziellen Grundlage, die durch einen Gästeetat, der schon lange vor Beginn einer Spielzeit geplant ist, dokumentiert wird. Jede in der Vertragsverhandlung noch so kleine Abweichung von der Etatplanung wird im Gästeetat berücksichtigt. Der finanzielle Rahmen darf dabei natürlich nicht überschritten werden.

Aus einer mündlichen Vereinbarung wird schließlich ein Gastvertrag.

Dabei entscheide ich, um welche Art von Beschäftigungsverhältnis (selbständig/abhängig) und damit um welche Vertragsart es sich handelt. Abgrenzungskataloge helfen mir dabei; wobei es auch immer wieder mal Tätigkeiten gibt, die ein solcher Katalog nicht beinhaltet. Hier entscheide ich aufgrund der Sachlage und lerne ganz nebenbei weitere künstlerische Tätigkeiten kennen. Dabei gilt es z.B. bei Betriebsprüfungen durch Rentenversicherungsträger, Finanzamt etc. gerade solche Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen.

Der Gastregisseur, die Ausstatterin und auch der Komponist sind natürlich selbständig, da sie das sogenannte unternehmerische Risiko in ihrer Arbeit tragen, während die Schauspieler sich in einem abhängigen Arbeitsverhältnis befinden.

Diese grundsätzlichen Unterscheidungen führen zu unterschiedlichen Verfahrensabwicklungen bei der Vertragsdurchführung.

Womit wir zu einem weiteren großen Aufgabenfeld meiner Arbeit kommen, denn auch die Vertragsdurchführung gehört zu meinem Aufgaben; das heißt, ich zahle (heute fast nur noch per Überweisung) die Nettogagen, befasse mich mit den doch sehr komplexen (insbesondere, wenn es keinen inländischen Steuerwohnsitz gibt) Versteuerungsverfahren, kümmere mich um die Einhaltung der sozialversicherungs- und zusatzversorgungsrechtlichen Vorgaben bis hin zur Beachtung der aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Vorschriften.

 © Stefanie Lassahn

© Stefanie Lassahn

Dabei passiert es schon einmal, dass ich morgens um 7.30 Uhr zusammen mit einem Gastkünstler und bewaffnet mit einer »lfd. Nummer« im Warteraum der Ausländerbehörde sitze, um möglichst kurzfristig eine Arbeitserlaubnis zu erwirken …

… oder, dass ich dem Gast abends in der Gastgarderobe seine Gage vorbei bringe …

… oder, dass ich einem Krankenkassenmitarbeiter erklären muss, warum ich einen Gastkünstler gestern zur Krankenversicherung angemeldet und heute abgemeldet habe, nur um ihn übermorgen wieder anzumelden …

Warum ich dieses alles und noch einiges Unerwähntes, in einem gefühlt 5 qm großen Raum mit einem Baum vor dem Fenster, dessen Einpflanzung ich schon erlebte und dessen Baumkrone inzwischen aus meinem Blickwinkel gewachsen ist, immer noch mit gleichbleibendem Engagement tue?

Es ist die Wiedersehensfreude, die ich mit Matthias Caspari teile, der in vergangenen Spielzeiten schon im Theater Münster gearbeitet hat. Es ist der sympathische Anruf von Hanns Jörg Krumpholz: »Ja hi, hier ist der Hanns. Du, meine Agentin hat mir gesagt, der ENRON-Gastvertrag wäre o.k., ich soll ihn unterschreiben, wann biste denn mal da?« oder auch Jimi Siebels, der mit einer netten und amüsanten Mail einfach mal so darauf aufmerksam macht, dass ich mit der nächsten Teilgagenzahlung viel zu spät dran bin.

Und letztlich ist es meine Wertschätzung all denen gegenüber, die für uns in Rollen schlüpfen, uns Szenen bieten, Bilder schaffen, Musik komponieren … Theater machen!

 

Autorin heute:
Ulla Schöler
Verwaltung (Personalangelegenheiten Gäste)

 

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