Warum ENRON?

Theater   3. April 2016   2 Kommentare zu Warum ENRON?

Trotz vieler neuer Stücke, Erst- und Uraufführungen im Spielplan des Schauspiels gibt es nicht viele Gegenwartsstücke, die es ins Große Haus schaffen. ENRON, von der jungen englischen Dramatikerin Lucy Prebble, ist ein Stoff für eine große Bühne. 2010 sah ich es bei einem Londonbesuch am Westend. Es war eine extrem effektvolle Inszenierung, die mit vielen Unterhaltungstheaterelementen spielte und so einen sehr populären Zugriff auf den Stoff zeigte. Kurz darauf war die Premiere am New Yorker Broadway. Beide Produktionen waren extrem erfolgreich. 2011 kam das Stück nach Deutschland und wurde inzwischen an diversen Theatern erfolgreich realisiert. Jetzt kommt es endlich auch nach Münster. Es hat in der Zwischenzeit nichts an Brisanz verloren.

© Greg Balfour Evans / Alamy Stock Photo

Das Royal Court Theatre am Sloane Square in London, hier fand 2010 die Uraufführung von ENRON statt. © Greg Balfour Evans / Alamy Stock Photo

Lucy Prebble setzt sich in ENRON zunächst mit dem Aufstieg und Fall des amerikanischen Konzerns Enron auseinander. Das ist für sich genommen schon einmal ein spannender Wirtschaftskrimi. Es ist ein Blick in das Herz eines Konzerns und die Mechanismen eines global aktiven Unternehmens, und natürlich auch ein Blick auf die Menschen dahinter. Der spektakuläre Crash von Enron im Jahr 2001 war ein Vorbote der großen Krise von 2008 und letztlich beispielhaft für die Wirtschaftskrisen bis in die Gegenwart.

Das Stück verbindet in interessanter Weise Aspekte des politischen und epischen Theaters eines Brecht, mit Elementen von Shakespeares Königsdramen und des englischen Well-made-plays und hat darüber hinaus groteske Elemente, die den Wahnsinn eines ausgeflippten Turbokapitalismus witzig und zugespitzt erlebbar machen.

In der gesamten Spielzeit haben wir uns in ganz vielen Stücken mit Fanatikern auseinander gesetzt. Jago in Shakespeares OTHELLO ist so ein Fanatiker des Bösen wie auch der junge rassistische Amokläufer aus dem Stück DIE EREIGNISSE, Oskar Matzerath aus Grass‘ BLECHTROMMEL war ebenso eine extreme Figur wie Schillers FIESCO. Es sind allesamt Egomane, mit großem destruktivem Potential. Auch in ENRON gibt es so eine Figur: Es ist Jeffrey Skilling, ein von Selbstüberschätzung, Machtgier und Skrupellosigkeit geprägter Manager, der zu Beginn des Stückes die Präsidentschaft bei Enron übernimmt. Auch er ist ein Fanatiker: ein Fanatiker, dessen Götter der Profit und das Kapital sind. Er bewegt sich jenseits von Moral und Verantwortung.

© Stefanie Lassahn

© Stefanie Lassahn

Wir erleben derzeit, wie sich Europa auseinanderdividiert und wie demokratische Werte so stark wie nie in Frage gestellt werden, und das nicht nur von außen. Den Vertrauensverlust in unser System haben auch Manager zu verantworten, die verstrickt mit politischen Mandatsträgern ohne jegliche soziale und globale Verantwortung Arbeitsplätze, unsere Umwelt oder die Sicherheit einer ganzen Generation leichtfertig aufs Spiel setzen. ENRON zeigt uns die Fratze eines Systems, von dem wir selbst Teil sind. Mit dem Finger auf den bösen Manager zu zeigen reicht nicht aus! »Sie wollen sicher sein, dass etwas … einen bestimmten Wert hat? Bullshit. Jeder Einbruch, jeder Crash, jede geplatzte Blase, das sind Sie. Ihre glorreiche Dummheit. Diese hier beschert uns die Eisenbahn. Diese das Internet. Diese den Sklavenhandel. Und wenn Sie die Umwelt retten wollen oder in andere Welten reisen, dann brauchen Sie dafür auch eine Blase. … Alles was wir sind, ist da. Da ist Gier, da ist Angst, Freude, Glaube, Liebe … Hoffnung … Am größten jedoch unter ihnen ist … ist das Geld!« Das ist das erschreckende Statement, mit dem uns Skilling und Prebble aus diesem Stück entlassen. Ich bin gespannt auf die Inszenierung von Dominique Schnizer.

 

Autor heute:
Frank Behnke
Schauspieldirektor

Frank Behnke, seit 2012 Schauspieldirektor in Münster, ist gebürtiger Hannoveraner und studierte Literaturwissenschaften mit Schwerpunkt Theater und Medien in Hamburg. Seit Beginn der neunziger Jahre arbeitet er kontinuierlich als Dramaturg und Regisseur. Engagements führten ihn u.a. an die Landesbühne Niedersachen in Wilhelmshaven, als leitender Schauspieldramaturg an das Theater Osnabrück und als leitender Dramaturg an das Schauspielhaus in Hamburg. Wichtigste künstlerische Station war das Staatstheater Nürnberg, wo er zehn Spielzeiten als leitender Dramaturg und stellvertretender Schauspieldirektor arbeitete und die programmatische Wende des Schauspiels Nürnberg hin zu zeitgenössischer Dramatik mit zahlreichen Ur- und Erstaufführungen entscheidend mitprägte.
Als Regisseur konnte Frank Behnke am Staatstheater Nürnberg mit Inszenierungen von Thomas Bernhard, Federico García Lorca, Lukas Bärfuss, George Tabori u.a. auf sich aufmerksam machen, sowie mit bemerkenswerten Klassikerinszenierungen, darunter IPHIGENIE AUF TAURIS am Theater Ingolstadt und DON KARLOS am Schwäbischen Landestheater in Memmingen. In Münster zeichnete er als Regisseur unter anderem für die Erstaufführungen FRÜHLINGSSTÜRME und LICHT UNTER TAGE von Tennesse Williams, sowie für die vielbeachteten RÄUBER und HAMLET verantwortlich.

2 thoughts on “Warum ENRON?

  1. Barbara

    Klasse, dass wir hier erfahren, wie die Stückauswahl innerhalb des Spielplans im Theater Münster vollzogen wird!
    Hattest du bei dem Besuch des Stücks in London und bei der Überlegung dieses Stück nach Münster zu holen bereits darüber nachgedacht, wie das Stück mal aussehen wird und welche Schauspieler die Rollen besetzen werden? Gab es bereits 2010 Ideen, was in Münster anders als in London sein wird? Und wenn ja, wie sahen diese Überlegungen aus? Hast du direkt die Verhältnisse der Bühne im Londoner Westend mit denen der Münsteraner Bühne im Großen Haus.verglichen?
    Gab es schon mal Stücke, die du nach Münster holen wolltest, und die du aufgrund der Rahmenbedingungen der Räumlichkeiten oder der Schauspieler etc. nicht in Münster umsetzen konntest? Oder kann man theoretisch jedes Stück im Theater Münster aufführen?

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    1. Frank Behnke

      2010 ging es noch um das Staatstheater Nürnberg, an dem ich zu der Zeit gearbeitet habe. Als Theatermacher, Regisseur und Dramaturg (seit 2012 in Münster) bin ich eigentlich immer auf der Suche nach neuen Texten und Stoffen, die mich interessieren und die eventuell dann auch für eine Umsetzung in Münster in Frage kommen. Grundsätzlich kann man in Münster im Schauspiel eigentlich fast alles machen. Wenn ich ein neues Stück sehe, läuft natürlich sofort die Fantansiemaschine! Für welchen Schauspieler sind das tolle Rollen? Welcher Regisseur kommt dafür in Frage? IstFidnest das in Münster ein Publikum? Enron ist für ein Ensemble unserer Größe mit ca. 17 DarstellerInnen problemlos zu realisieren. Wie die Besetzung, das Bühnenbild und die gesamte Umsetzung dann aussieht, entscheidet sich natürlich stark über die Frage, welcher Regisseur das Stück macht. Da gibt es dann riesige Unterschiede. Die Regisseure passen sich aber natürlich den technischen Gegebenheiten unseres Theaters an. Und auch bei den Bestzungen machen wir einige Vorgaben.

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